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One Belt, one Road –
one Growth Engine?
Ken Hu

Chief Investment Officer, Hong Kong

Eine Datenautobahn in Afrika, ein wachsendes französisches Lebensmittel- und Getränkeunternehmen, Hafenanlagen in der chinesischen Region Fujian: Was haben diese unterschiedlichen Themen gemeinsam?

Das Bindeglied ist die Vision einer neuen Seidenstrasse, vorgestellt von der chinesischen Regierung im Jahr 2013. Diese ‚Belt & Road‘ (B&R) Initiative ist eine beeindruckende Growth Engine, wie Ken Hu bei EYES ON 2019 betonte. Sie bezieht 67% der Weltbevölkerung ein, umfasst Land- und Seerouten, und die B&R-Region steht für gut 36% des globalen BIP und 38% des Welthandels. „Wir erwarten, dass China jährlich 150 bis 200 Milliarden US-Dollar in die B&R-Region investiert“, sagte Ken Hu, „ein gewaltiger Betrag, der jedoch für China absolut darstellbar ist.” Dahinter steht seiner Einschätzung nach, dass Chinas erfolgreiches Geschäftsmodell nicht mehr wie früher funktioniert und sich ändern muss.

Überregionale Perspektive
Geht es also um China und seine geopolitischen Interessen? Weit gefehlt, sagte Ken Hu: „Die Initiative klingt sehr China-zentriert, doch wir sehen darin eine grossartige Gelegenheit für Anleiheinvestoren mit einer überregionalen Perspektive.“

Barbara Lüthi:
Haben Sie einen Lieblingsort entlang der Seidenstrasse – eine besondere Growth Engine?

Ken Hu
Ich schätze Länder, die Umwelt und Sozialfragen ernst nehmen. Ein gutes Beispiel ist ein Bahnprojekt in Indonesien. Es verzögerte sich – jedoch aus den richtigen Gründen, um die Interessen der Menschen vor Ort zu wahren.

Tatsache ist, dass bereits eine Reihe von Industrieländern grosses Interesse hat, ihre Kapitalzusagen für die Region zu erhöhen. Die USA und die EU haben kürzlich angekündigt, dass sie jeweils 60 Milliarden US-Dollar in die B&R-Region investieren wollen. Grossbritannien will bis 2022 der grösste Investor der G7 in Afrika werden, und Japan hat seine Infrastrukturaktivitäten in den B&R-Ländern verstärkt. Angesichts dieser Entwicklungen macht die Seidenstrasse derzeit einen beachtlichen Sprung seit der Zeit, als um 430 v. Chr. Karawanen mit Seide und Gewürzen nach Europa aufbrachen.

Breite Investitionsmöglichkeiten „Der Kapitalbedarf eröffnet eine Reihe von Investitionsmöglichkeiten“, sagte Ken Hu. Sein Team hat fünf konkrete Themen identifiziert, die ihm besonders interessant erscheinen: die verbesserte Finanzkraft, der gestärkte Konsumsektor, der Ausbau der Infrastrukturnetze, die Modernisierung der Wirtschaftskorridore und die Verbesserung der Energie-, Rohstoff- und Agrarproduktion. Dazu gehören die oben genannten Beispiele.

Nehmen wir den Informations-Highway, ein digitales Infrastrukturprojekt, das 48 afrikanische Länder verbinden wird: Die geplante Länge des Glasfaserkabels ist 150.000 km, rund 15 Milliarden US-Dollar werden investiert. „Für solche Projekte geben lokale Unternehmen Anleihen aus, etwa Firmen aus den Bereichen Telekommunikation, Maschinenbau und Bauwesen“, so Hu.

„B&R ist eine grosse Chance für Anleiheinvestoren.“

Günstiges geopolitisches Umfeld
Einen Augenblick: Wie kann das geopolitische Umfeld für die B&R-Initiative günstig sein, angesichts der zahlreichen bei EYES ON 2019 diskutierten kritischen Themen – vom Brexit bis hin zu den Handelskonflikten? „Der Handelskrieg verstärkt Chinas Engagement für die Initiative sogar noch“, sagte Ken Hu. Er ist fest davon überzeugt, dass das Land seine Geschäfte mit den Ländern in der B&R-Region ausbauen wird, um die Auswirkungen eventuell zurückgehender Exporte in die USA abzumildern. Mit der Verbesserung der Infrastruktur würden zahlreiche Länder zuneh- mend von der Verlagerung von Lieferketten und Produktionsstätten aus China profitieren.

Und hier kommt ein weiterer Faktor zum Tragen: Hu ist überzeugt, dass Umweltfaktoren, soziale Aspekte und die Unternehmensführung für Investoren in Zukunft noch wichtiger werden. Das werde sich auf die Länder auswirken, die von der B&R-Initiative profitieren. Da sich der Druck zur Verbesserung von ESG-Kriterien wie Korruption und Umweltproblemen verschärfe, könnten manche Emittenten Probleme bei der Ausgabe ihrer Anleihen bekommen, wenn sie ihren ESG-Status nicht verbessern (lesen Sie mehr zum ESG-Thema auf Seite 8, „Enabling Growth Engines“).

Wie können europäische Investoren davon profitieren?
Ken Hu hat eine klare Antwort auf diese Frage: Seiner Überzeugung nach sollten europäische Investoren Anleihen in den Blick nehmen, die direkt oder indirekt von der B&R-Initiative profitieren können. Viele dieser Anleihen werden in den 68 B&R-Ländern von Regierungen und Unternehmen aufgelegt. „Die geschätzte Marktgrösse für B&R-Anleihen liegt bei über 1 Billion US-Dollar und ist geografisch diversi- fiziert“, sagte Hu. Im Durchschnitt würden pro Handelstag ein bis drei neue US-Dollar-Anleihen ausgegeben, „und das grosse Angebot an Neuemissionen dürfte anhalten.” Das Segment solcher US-Dollar-Anleihen findet Ken Hu besonders interessant, da es zur Vermeidung potenzieller Währungsrisiken beiträgt.

Hu sieht bei diesen Anleihen ein attraktives Rendite- potenzial, da die wirtschaftlichen Verbesserungen durch B&R auch den Emittenten der Staats- als auch Unternehmensanleihen zugutekommen. „Wir sind überzeugt, dass wir ‚Early Mover‘ sind und dass sich Investoren interessante Möglichkeiten eröffnen“, fügte er hinzu. Zum Beispiel, so Hu, seien Premium- Emittenten derzeit bereit, zur Sicherung des Emissionserfolgs höhere Zinsen zu bezahlen.

Was für Investoren ein gutes Argument sein kann, um mehr über diese Growth Engine zu erfahren.

„Wir sind überzeugt, dass wir ‚Early Mover‘ sind und dass sich Investoren interessante Möglichkeiten eröffnen.“

Ausgewählte Frage eines EYES ON 2019 Gastes: